Südpfalz – Sirenen sollen im Ernstfall Menschen warnen. Sie sollen Aufmerksamkeit erzeugen, Orientierung geben und im entscheidenden Moment dafür sorgen, dass eine Warnung nicht überhört wird.
Beim diesjährigen bundesweiten Warntag konnte man allerdings den Eindruck gewinnen, dass man es mit der Aufmerksamkeit der Bevölkerung besonders ernst meinte.
Viermal Sirenen in 15 Minuten: Warntag oder akustische Dauerbeschallung?
Zwischen 11:00 Uhr und 11:15 Uhr heulten hier gleich viermal die Sirenen.
Vier Alarme innerhalb von gerade einmal 15 Minuten. Und damit nicht genug: Bei den folgenden Alarmen wurde jeweils per Durchsage erklärt, dass es sich lediglich um einen Probealarm handelt.
Nur beim ersten Sirenensignal fehlte diese Durchsage.
Einmal testen reicht offenbar nicht
Dass Sirenen regelmäßig getestet werden müssen, steht außer Frage. Niemand möchte im Ernstfall feststellen, dass ein Warnsystem seit Jahren nicht funktioniert.
Aber muss ein Probealarm gleich zur akustischen Dauerveranstaltung werden?
Wer innerhalb einer Viertelstunde viermal von Sirenen aufgeschreckt wird, dürfte irgendwann weniger über die Leistungsfähigkeit des Warnsystems nachdenken und eher darüber, wann denn nun endlich Ruhe ist.
Genau hier liegt das eigentliche Problem.
Ein Warnsystem lebt davon, dass seine Signale ernst genommen werden. Werden Menschen jedoch in kurzer Folge immer wieder mit Alarmen konfrontiert, besteht zumindest die Gefahr eines Gewöhnungseffekts.
Wenn es ständig heult, verliert das Heulen irgendwann seine Wirkung.
Und beim ersten Alarm gab es keine Erklärung
Besonders fragwürdig wirkt der Ablauf dadurch, dass beim ersten Alarm offenbar keine entsprechende Durchsage erfolgte.
Wer den Warntag nicht auf dem Schirm hatte und um 11 Uhr plötzlich eine Sirene hört, kann schließlich nicht wissen, dass gerade ein bundesweiter Test läuft.
- Ist es ein Probealarm?
- Gibt es irgendwo einen Brand?
- Ist etwas Größeres passiert?
- Oder soll die Bevölkerung tatsächlich reagieren?
Genau diese Fragen soll ein modernes Warnsystem eigentlich möglichst schnell beantworten.
Stattdessen hieß es offenbar zunächst einmal: Sirene an – Erklärung Fehlanzeige.
Warnen ist wichtig – Verwirren nicht
Der bundesweite Warntag ist grundsätzlich eine gute Sache. Sirenen, Warn-Apps, Cell Broadcast und andere Systeme müssen regelmäßig getestet werden.
Aber auch ein Warntag sollte nach dem Prinzip funktionieren:
Nicht:
Natürlich kann man argumentieren, dass gerade die Wiederholung Bestandteil des Tests war. Das mag technisch durchaus seine Berechtigung haben.
Für die Bevölkerung bleibt trotzdem die Frage, ob ein derart dicht getakteter Ablauf wirklich die beste Kommunikation darstellt.
Denn ein funktionierendes Warnsystem besteht nicht nur aus einer funktionierenden Sirene.
Es besteht auch aus Vertrauen.
Beim nächsten Mal vielleicht etwas weniger Lärm und etwas mehr Erklärung
Der Warntag sollte deshalb nicht nur technisch ausgewertet werden.
Man sollte auch fragen:
- Wie verständlich war der Ablauf für die Menschen vor Ort?
- War tatsächlich jede einzelne Wiederholung notwendig?
- Warum gab es beim ersten Signal keine entsprechende Durchsage?
Und vor allem:
Wie verhindert man, dass die Bevölkerung bei der nächsten Sirene nur noch mit den Augen rollt und denkt: „Ach, wieder nur ein Probealarm“?
Denn genau das wäre die denkbar schlechteste Entwicklung.
Im Ernstfall darf niemand die Sirene ignorieren, weil er in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder erlebt hat, dass anschließend doch nichts passiert.
Viermal in 15 Minuten – muss das wirklich sein?
Warnsysteme zu testen ist richtig.
- Die Bevölkerung zu warnen ist richtig.
- Die Bevölkerung unnötig zu nerven ist dagegen kein Qualitätsmerkmal eines guten Warnsystems.
Vielleicht wäre für den nächsten Warntag deshalb ein wenig mehr Kommunikation und ein wenig weniger Sirenen-Dauerfeuer angebracht.
Denn am Ende sollte von einem Warntag vor allem eines hängen bleiben:
Wenn die Sirene ertönt, muss ich wissen: Jetzt ist es ernst.
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
- Meine journalistische Arbeit finanziert sich nicht durch staatliche Fördermittel.
- Unabhängiger Journalismus lebt von der Unterstützung seiner Leserinnen und Leser.
Gute Berichterstattung entsteht nicht von selbst. Sie braucht Zeit, Recherche und direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort.
