Oktoberfest: Vielfalt mit Einlasskontrolle – wenn Ausgrenzung plötzlich progressiv sein soll

Doppelte Maßstäbe auf der Wiesn? Wenn Ausgrenzung plötzlich progressiv sein soll

München – 700 Frauen und FLINTA-Personen sollen am 21. September im Festzelt Bräurosl auf dem Oktoberfest feiern. Einen Tag zuvor findet der traditionelle Gay Sunday statt, der vor allem schwule Männer anzieht.

Die Begründung für das neue Event klingt zunächst nach einem berechtigten Anliegen: Lesbische und queere Frauen sollen auf dem Oktoberfest sichtbarer werden.

Doch bei aller berechtigten Forderung nach Sichtbarkeit darf eine unangenehme Frage gestellt werden:

Ist es wirklich gelebte Vielfalt, wenn Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Identität bewusst voneinander getrennt werden?

Ausgrenzung bleibt Ausgrenzung

Die Veranstalterin Sina Scherer beklagt, dass lesbische Frauen in München immer weniger eigene Treffpunkte hätten und auf der Wiesn bislang keine vergleichbare Sichtbarkeit besäßen.

Das kann man nachvollziehen.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass die Antwort ausgerechnet in weiteren exklusiven Veranstaltungen liegen muss.

Denn wer Gleichberechtigung fordert, sollte sich auch gefallen lassen, dass die eigenen Maßstäbe hinterfragt werden.

Ausgrenzung wird nicht automatisch zu Gleichberechtigung, nur weil die Ausgrenzung mit einem progressiven Etikett versehen wird.

Der kleine Unterschied: Wer darf rein?

Die entscheidende Frage ist erstaunlich simpel:

Wer darf eigentlich mitfeiern – und wer nicht?

Bei einer Veranstaltung, die sich ausdrücklich an Frauen und FLINTA-Personen richtet, ist der Teilnehmerkreis bewusst begrenzt.

Das ist zunächst eine Tatsache.

Ob eine solche Beschränkung rechtlich zulässig ist, hängt von den konkreten Umständen und den jeweiligen Teilnahmebedingungen ab. Doch unabhängig von der juristischen Bewertung bleibt eine gesellschaftliche Diskussion darüber legitim.

Denn wenn Männer aufgrund ihres Geschlechts nicht teilnehmen dürfen, ist das zumindest eine bewusste Trennung nach Geschlecht.

Und genau hier beginnt die interessante Debatte.

Was wäre, wenn die Rollen vertauscht würden?

Man stelle sich vor, ein Veranstalter würde ein großes Oktoberfest-Event ausschließlich für Männer ankündigen und Frauen ausdrücklich ausschließen.

Die Reaktionen dürften interessant ausfallen.

Wahrscheinlich würde sehr schnell über Diskriminierung, Sexismus und überholte Rollenbilder gesprochen.

Doch warum sollte ein Ausschluss grundsätzlich anders bewertet werden, wenn er von einer anderen gesellschaftlichen Gruppe vorgenommen wird?

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass unterschiedliche Regeln für unterschiedliche Menschen gelten sollten.

Schutzraum oder Parallelgesellschaft?

Natürlich kann es gute Gründe für geschützte Räume geben. Menschen können sich in bestimmten Situationen wohler fühlen, wenn sie unter sich bleiben. Gerade für gesellschaftliche Minderheiten können solche Angebote eine wichtige Funktion haben.

Das ist nicht das Problem.

Das Problem beginnt dort, wo aus dem Wunsch nach einem geschützten Raum eine grundsätzliche Ideologie der Trennung wird.

Dann stellt sich irgendwann die Frage:

Wie viele getrennte Räume brauchen wir eigentlich noch, bevor wir feststellen, dass wir uns gesellschaftlich immer weiter voneinander entfernen?

Die Antwort auf Diskriminierung sollte schließlich nicht neue Diskriminierung sein.

Vielfalt darf keine Einbahnstraße sein

Der Begriff Vielfalt wird heute gerne verwendet. Er steht für Offenheit, Toleranz und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Menschen.

Doch Vielfalt bedeutet nicht zwangsläufig, dass jede Gruppe ihren eigenen exklusiven Bereich bekommt.

Im Gegenteil:

Eine wirklich vielfältige Gesellschaft muss auch aushalten können, dass unterschiedliche Menschen gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Auch auf der Wiesn.

Und was ist mit den anderen?

Die Diskussion um das neue Event wirft deshalb eine weitere Frage auf:

Wenn lesbische Frauen mehr Sichtbarkeit verdienen – was selbstverständlich niemand bestreiten muss –, warum muss diese Sichtbarkeit zwingend mit dem Ausschluss anderer verbunden sein?

  • Warum nicht ein gemeinsames Fest?
  • Warum nicht mehr queere Veranstaltungen, bei denen unterschiedliche Gruppen ausdrücklich willkommen sind?
  • Warum muss Vielfalt immer häufiger in einzelne Identitätsgruppen aufgeteilt werden?

Vielleicht wäre es an der Zeit, wieder etwas weniger danach zu fragen, welcher Identitätsgruppe jemand angehört, und etwas mehr danach, wie Menschen miteinander umgehen.

Die Wiesn sollte kein Identitäts-Zollamt werden

Das Oktoberfest ist ohnehin schon ein Ort der Extreme: riesige Zelte, Tradition, Trachten, Alkohol, Touristen und Millionen Besucher aus aller Welt.

Nun kommt eine weitere Identitätsdebatte hinzu.

700 Frauen und FLINTA-Personen feiern unter sich. Einen Tag zuvor feiern vor allem schwule Männer.

Das kann man als Fortschritt feiern.

Man kann es aber auch kritisch sehen.

Denn eine Gesellschaft, die ständig neue Grenzen zwischen Menschen zieht, sollte sich irgendwann die Frage stellen, ob sie damit tatsächlich toleranter wird.

Toleranz bedeutet nicht, jeden Menschen gleich zu machen.

Toleranz bedeutet aber auch nicht, Menschen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe voneinander fernzuhalten.

Gleichberechtigung darf keine Einbahnstraße sein

Niemand sollte lesbischen Frauen ihre Sichtbarkeit nehmen wollen. Niemand sollte queeren Menschen das Recht auf eigene Veranstaltungen absprechen.

Aber genauso wenig sollte Kritik daran tabu sein.

Wer Gleichberechtigung fordert, muss auch mit Gleichberechtigung beim Maßstab leben können.

Und genau deshalb darf die Frage gestellt werden:

Wenn Ausgrenzung bei einer Gruppe als Schutzraum gilt – warum ist sie bei einer anderen Gruppe plötzlich Diskriminierung?

Das ist keine Frage gegen lesbische Frauen.

Es ist eine Frage darüber, welche Maßstäbe eine vielfältige Gesellschaft eigentlich an sich selbst anlegen will.

Denn eines sollte unabhängig von sexueller Orientierung, Geschlecht oder Identität gelten:

Ausgrenzung wird nicht dadurch besser, dass man sie mit Vielfalt begründet.

André Braselmann

Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.

  • Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
  • Meine journalistische Arbeit finanziert sich nicht durch staatliche Fördermittel.
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Gute Berichterstattung entsteht nicht von selbst. Sie braucht Zeit, Recherche und direkten Kontakt zu den Menschen vor Ort.

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