Siegmunds Tagebücher entdeckt – Déjà-vu mit historischem Beigeschmack

Siegmunds Tagebücher entdeckt – Déjà-vu mit historischem Beigeschmack

Eine satirische Kolumne über geheimnisvolle Tagebücher, große Enthüllungen und die historische Lehre aus dem wohl berühmtesten Tagebuch-Flop der deutschen Mediengeschichte

Es gibt Schlagzeilen, die lassen Historiker aufhorchen.

Und es gibt Schlagzeilen, bei denen ältere Journalisten vermutlich reflexartig nach einem roten Bleistift greifen und fragen:

Moment mal – hatten wir das nicht schon einmal?

Siegmunds Tagebücher entdeckt klingt jedenfalls nach der Sorte Nachricht, bei der die historische Fantasie sofort den Turbolader einschaltet.

Geheime Aufzeichnungen! Persönliche Einblicke! Unbekannte Wahrheiten!

Was kann da schon schiefgehen?

Nun ja.

Eine ganze Menge.

Das große Tagebuch-Déjà-vu

Deutschland hat mit spektakulären Tagebuchfunden bereits einschlägige Erfahrungen gesammelt.

1983 präsentierte das Magazin Stern angebliche Tagebücher Adolf Hitlers. Die Veröffentlichung entwickelte sich zu einem der größten Presseskandale der deutschen Mediengeschichte.

Die Dokumente waren gefälscht. Als Fälscher wurde später Konrad Kujau entlarvt.

Das eigentlich Faszinierende daran ist weniger der Fälscher als die Frage:

Warum wollten so viele unbedingt glauben, dass die Sensation echt sein könnte?

Die Wahrheit war damals offenbar nicht spektakulär genug

Die angeblichen Hitler-Tagebücher versprachen genau das, was ein perfekter Medienaufreger braucht:

einen berühmten Namen, geheime Dokumente und die Aussicht, die Geschichte plötzlich neu erzählen zu können.

Und genau hier wird der Vergleich zu den ominösen Siegmunds Tagebüchern satirisch interessant.

Denn sobald ein unbekanntes Tagebuch als historische Sensation angekündigt wird, beginnt automatisch das große Kopfkino.

  • Was steht drin?
  • Wer wusste davon?
  • Warum wurde es geheim gehalten?
  • Welche politischen Geheimnisse kommen ans Licht?

Und natürlich die wichtigste Frage:

Hat Siegmund vielleicht schon damals alles gewusst?

Man möchte fast Popcorn holen.

Der Flop von 1983 sollte eigentlich eine Warnung sein

Die Lehre aus der Affäre um die Hitler-Tagebücher ist ziemlich simpel:

Ein spektakuläres Dokument ist noch lange keine authentische historische Quelle.

Quellen müssen geprüft werden.

Materialien müssen untersucht werden.

Herkunft und Provenienz müssen nachvollziehbar sein.

Der Inhalt muss mit anderen bekannten Quellen abgeglichen werden.

Und manchmal muss ein Journalist etwas tun, das im Zeitalter der Klickzahlen geradezu revolutionär wirkt:

warten.

Denn die Geschichte läuft nicht weg.

Eine Sensation hingegen kann sich sehr schnell in eine Blamage verwandeln.

Vom Tagebuch zur Schlagzeile

Das Problem beginnt häufig schon bei der Verpackung.

Altes Tagebuch gefunden klingt interessant.

Geheimes Tagebuch entdeckt – brisante Wahrheiten kommen ans Licht klingt dagegen nach Einschaltquote.

Die Geschichte bekommt plötzlich einen Spannungsbogen.

  • Aus einem historischen Dokument wird ein Thriller.
  • Aus einer Notiz wird eine Enthüllung.
  • Aus einer möglicherweise interessanten Quelle wird eine Sensation.

Und aus einer Sensation wird – wenn es ganz schlecht läuft – ein journalistisches Eigentor.

1983 hat Deutschland eindrucksvoll erlebt, wie schnell so etwas passieren kann.

Vielleicht sollten wir bei Siegmund einfach einmal tief durchatmen

Nehmen wir also an, die Tagebücher sind tatsächlich aufgetaucht.

Dann wäre die vernünftige Reaktion nicht:

Unglaublich! Die Geschichte muss neu geschrieben werden!

Sondern:

Interessant. Wer hat sie gefunden, woher stammen sie und wie wurden sie überprüft?

Das ist wesentlich weniger aufregend.

Aber wesentlich# seriöser.

Denn historische Quellen sind keine Glückskekse.

Man kann sie nicht einfach aufbrechen und anschließend jede darin enthaltene Behauptung als Wahrheit verkaufen.

Das Problem mit der Sensationslust

Der Fall der Hitler-Tagebücher zeigt außerdem eine unangenehme menschliche Schwäche:

  • Wir lieben Geheimnisse.
  • Wir lieben Enthüllungen.

Und wir lieben Geschichten, die uns versprechen, dass wir etwas wissen, was andere noch nicht wissen.

Genau deshalb funktionieren spektakuläre Dokumentenfunde so gut.

Ein Tagebuch ist dabei das perfekte Requisit.

  • Es wirkt persönlich.
  • Es wirkt authentisch.
  • Es wirkt unmittelbar.

Und wenn es alt genug aussieht, bekommt es automatisch einen historischen Heiligenschein.

Dabei kann selbst das schönste alte Papier am Ende nur eines beweisen:

Dass jemand sehr geschickt Papier altern lassen kann.

Der wichtigste Satz steht deshalb vielleicht gar nicht im Tagebuch

Er lautet:

Prüfe die Quelle.

  • Nicht erst nachdem die Schlagzeile gedruckt wurde.
  • Nicht erst nachdem Millionen Menschen darüber diskutiert haben.
  • Nicht erst nachdem Experten im Fernsehen darüber gestritten haben.

Sondern vorher.

Denn der Unterschied zwischen einer historischen Entdeckung und einem historischen Reinfall kann manchmal erstaunlich klein sein.

1983 bestand dieser Unterschied aus gefälschten Tagebüchern.

Heute kann er zusätzlich aus einem manipulierten Bild, einem künstlich erzeugten Dokument oder einer viralen Social-Media-Schlagzeile bestehen.

Und wenn Siegmund wirklich geschrieben hat?

Dann sollte man seine Aufzeichnungen selbstverständlich ernst nehmen.

Aber eben als Quelle.

Nicht als Offenbarung.

  • Vielleicht enthalten sie tatsächlich neue Erkenntnisse.
  • Vielleicht enthalten sie nur persönliche Erinnerungen.
  • Vielleicht enthalten sie belanglose Alltagssätze.

Und vielleicht findet sich auf Seite 47 lediglich:

Heute nichts Besonderes passiert.

Das wäre zwar keine Sensation.

Aber immerhin wäre es vermutlich authentischer als so manche große Enthüllungsgeschichte.

Die Pointe der Geschichte

Der größte Witz wäre deshalb, wenn wir ausgerechnet bei Siegmunds Tagebüchern vergessen würden, was uns die Geschichte längst beigebracht hat.

Je größer die Sensation,

desto größer sollte die Skepsis sein.

Je spektakulärer das Dokument,

desto genauer sollte man hinschauen.

Und je lauter jemand ruft:

Die Geschichte muss neu geschrieben werden!

desto entspannter darf man antworten:

Prima. Zeigen Sie uns zuerst die Quelle.

Denn nach dem spektakulären Reinfall mit den Hitler-Tagebüchern sollte zumindest eine Erkenntnis dauerhaft im kollektiven Gedächtnis angekommen sein:

Ein Tagebuch ist noch keine Wahrheit.

Und eine sensationelle Schlagzeile ist erst recht kein Beweis.

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André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
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