Man muss der deutschen Wirtschaft eines lassen: Sie ist erstaunlich wandlungsfähig.
- Früher baute Volkswagen den Käfer.
- Dann Golf.
- Dann SUV.
- Und jetzt vielleicht bald Raketenabwehrtechnik.
Wer hätte gedacht, dass die automobile Transformation irgendwann dort endet, wo andere Unternehmen lieber gar nicht erst anfangen: beim Kriegsgeschäft.
Natürlich muss man historisch korrekt bleiben. Volkswagen wurde 1937 nicht direkt von der NSDAP gegründet, sondern von der Deutschen Arbeitsfront – einer zentralen Organisation des NS-Regimes. Das Volkswagenwerk wurde anschließend in die Kriegswirtschaft eingebunden und produzierte unter anderem Militärfahrzeuge.
Das ist Geschichte.
Und Geschichte wiederholt sich bekanntlich nicht.
Sie hat manchmal nur einen ziemlich schwarzen Humor.
Denn während in Osnabrück die Zukunft des Automobilstandorts auf der Kippe steht, könnte eine neue Geschäftsidee für Beschäftigung sorgen:
Warum Autos bauen, wenn man auch die Technik bauen kann, die Raketen abwehrt?
Das nennt man vermutlich Transformation.
Vom Käfer zur Raketenabwehr
Früher war das Ziel klar:
Das deutsche Volk sollte mobil werden.
Heute lautet das Motto offenbar:
Das deutsche Werk soll militärisch zukunftsfähig werden.
Und wenn schon keine neuen Autos mehr aus Osnabrück rollen, dann vielleicht bald Fahrzeuge für ein Luftverteidigungssystem.
Das ist doch praktisch.
Der Kunde bestellt keinen Golf mehr, sondern einen Startcontainer.
Die Qualitätskontrolle prüft nicht mehr, ob die Tür klappert, sondern ob die Rakete zuverlässig abgefangen wird.
Und statt der Frage „Wie viel verbraucht der Wagen?“ lautet die entscheidende Kennzahl vielleicht:
Wie viele Raketen schafft das System pro Minute?
Willkommen bei Volkswagen.
Das Auto.
Und vielleicht bald auch:
Die Abwehr.
Hauptsache Arbeitsplätze
Nun könnte man natürlich sagen: Moment mal!
Osnabrück braucht Arbeitsplätze.
Volkswagen braucht Perspektiven.
Deutschland braucht industrielle Produktion.
Und die Bundeswehr beziehungsweise unsere europäischen Partner brauchen leistungsfähige Verteidigungssysteme.
Alles richtig.
Aber genau hier wird es interessant.
Denn wenn die Lösung für den Erhalt industrieller Arbeitsplätze darin besteht, einen Automobilstandort in Richtung Rüstungsproduktion umzubauen, dann sollte man vielleicht nicht nur über Arbeitsplätze sprechen.
Sondern auch darüber, was wir eigentlich produzieren wollen.
Deutschland hat jahrzehntelang vom Export ziviler Industrie gelebt.
Autos, Maschinen, Chemie, Anlagenbau.
Jetzt entdecken wir plötzlich wieder einen alten deutschen Wirtschaftszweig:
Rüstung.
Man könnte fast meinen, die Zeitenwende sei nicht nur eine politische Rede, sondern ein neues Geschäftsmodell.
Die Vergangenheit sitzt mit am Tisch
Und dann ist da noch diese Kleinigkeit namens Geschichte.
Volkswagen trägt eine historische Last, die man nicht einfach aus dem Geschäftsbericht streichen kann.
Die Gründung unter dem NS-Regime, die Einbindung in die Kriegswirtschaft und der Einsatz von Zwangsarbeitern gehören zur Geschichte des Unternehmens.
Nach 1945 wurde daraus eine Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik.
Der Käfer wurde zum Symbol des Wirtschaftswunders.
Volkswagen wurde zum Symbol für Deutschlands industrielle Stärke.
Und nun steht plötzlich wieder das Wort Rüstung im Raum.
- Nein, das macht Volkswagen nicht zu einem NS-Unternehmen.
- Nein, die heutige Bundesrepublik ist kein NS-Staat.
- Nein, Iron Dome ist keine Wiederholung der deutschen Kriegsproduktion.
Aber die Ironie ist trotzdem kaum zu übersehen.
Ausgerechnet Volkswagen könnte wieder militärische Technik produzieren.
Da darf man sich schon einmal die Augen reiben.
Vielleicht bekommt der Golf bald Konkurrenz
Vielleicht braucht Volkswagen ja bald einen neuen Werbeslogan.
Das Auto“
Das war gestern.
Wie wäre es mit:
Volkswagen – fährt, schützt und trifft hoffentlich nicht daneben.
Oder:
Volkswagen. Wir bringen Sie sicher durch den Krieg.
Oder ganz klassisch:
Volkswagen – Vorsprung durch Rüstung.
Man darf darüber lachen.
Eigentlich muss man sogar ein bisschen darüber lachen.
Denn manchmal ist schwarzer Humor die einzige Möglichkeit, eine Entwicklung zu kommentieren, die ansonsten ziemlich bitter schmeckt.
Die eigentliche Frage
Am Ende geht es nicht darum, Volkswagen an den Pranger zu stellen.
Es geht um eine viel größere Frage:
Wollen wir wirklich, dass die Zukunft unserer Industrie zunehmend darin besteht, Waffen, Munition und militärische Systeme zu produzieren?
Wenn ja, dann sollten wir wenigstens ehrlich darüber sprechen.
Dann sollten wir nicht so tun, als handele es sich lediglich um eine normale Diversifizierung des Produktportfolios.
Denn ein Raketenabwehrsystem ist kein neues Infotainmentsystem.
Es ist Teil einer militärischen Infrastruktur.
Und wenn Volkswagen dort einsteigt, ist das eine politische und gesellschaftliche Entwicklung – nicht nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung.
Vielleicht ist das deshalb die bitterste Pointe dieser Geschichte:
Der Käfer sollte einst das Volk mobil machen.
Jetzt könnte Volkswagen dabei helfen, das Land für den nächsten Krieg technisch aufzurüsten.
Geschichte wiederholt sich nicht.
Aber manchmal fährt sie verdammt langsam im Rückspiegel hinterher.
Und Volkswagen?
Volkswagen gibt Gas.
André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
- Ich berichte über Ereignisse, Menschen und Entwicklungen aus unserer Region.
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