Tote Zivilisten haben keine Nationalität – warum wird mit zweierlei Maß berichtet?
Eine Meinungskolumne des Südpfalzreporters
Es gibt Nachrichten, die erscheinen immer wieder.
Russischer Angriff auf die Ukraine – mehrere Zivilisten getötet.
Die Schlagzeile ist schnell formuliert, das Bild vom zerstörten Wohnhaus schnell gefunden und die Schuldzuweisung gleich mitgeliefert.
Und selbstverständlich gilt: Jeder getötete Zivilist ist einer zu viel.
Aber genau hier beginnt die Frage, die man stellen muss:
Gilt das eigentlich für alle Zivilisten?
Denn während die Opfer russischer Angriffe auf ukrainischem Gebiet regelmäßig die großen Schlagzeilen bestimmen, finden zivile Opfer ukrainischer Angriffe auf russischem Staatsgebiet häufig deutlich weniger Aufmerksamkeit – oder verschwinden nach einer kurzen Meldung wieder aus dem Nachrichtenstrom.
Das ist kein Plädoyer dafür, russische Angriffe kleinzureden. Im Gegenteil.
Die Vereinten Nationen dokumentieren für die Ukraine allein im Juni 2026 mindestens 293 getötete und 1.990 verletzte Zivilisten. Für das erste Halbjahr 2026 wurden insgesamt 1.396 getötete und 7.978 verletzte Zivilisten registriert. (UN Menschenrechtsmission Ukraine)
Diese Zahlen sind erschütternd.
Aber eine seriöse Berichterstattung darf nicht bei der einen Seite aufhören.
Wo bleiben die russischen Zivilisten?
Auch auf russischem Staatsgebiet schlagen Drohnen und Raketen ein. Menschen werden verletzt, Häuser beschädigt, Unternehmen getroffen und Infrastruktur zerstört.
Am 8. August 2026 berichteten internationale Medien beispielsweise über ukrainische Angriffe auf russische Industrie- und Energieziele. In der Region Krasnodar wurden dabei nach Angaben russischer Behörden Menschen verletzt. Gleichzeitig wurden bei russischen Angriffen auf die Region Kiew mehrere ukrainische Zivilisten getötet. (AP News)
Und genau hier zeigt sich das Problem:
Die eine Meldung wird zur großen humanitären Geschichte – die andere bleibt vielfach eine Randnotiz.
Das kann beim Leser den Eindruck erzeugen, als sei der Krieg einseitig: Russland greift an, die Ukraine reagiert lediglich.
Doch ein Krieg, der inzwischen mit weitreichenden Drohnen und Raketen auf beiden Seiten geführt wird, ist komplizierter.
Die ukrainische Armee greift russisches Territorium an. Russland greift ukrainisches Territorium an. Und bei beiden Seiten leben Menschen, die mit der militärischen Entscheidung ihrer Regierungen häufig überhaupt nichts zu tun haben.
Der tote Zivilist ist kein guter oder schlechter Toter
Ein ukrainisches Kind, das bei einem russischen Angriff stirbt, ist ein unschuldiges Opfer.
Aber ein russisches Kind, das durch einen ukrainischen Angriff stirbt, ist es ebenfalls.
Eigentlich sollte das eine Selbstverständlichkeit sein.
Doch die Sprache der Berichterstattung kann schnell eine andere Wirklichkeit erzeugen.
Russland bombardiert die Ukraine.
Ukraine greift russische Militärziele an.
Und wenn dabei Zivilisten sterben?
Dann wird die Geschichte plötzlich komplizierter.
Dabei müsste die entscheidende Frage immer dieselbe sein:
Was ist passiert, wer wurde getroffen und welche Folgen hatte der Angriff für die Zivilbevölkerung?
Nicht:
Welche Nationalität hatte das Opfer?
Zahlen sind wichtig – aber ihre Auswahl ebenfalls
Die UN kann die Opfer in der Ukraine wesentlich systematischer dokumentieren. Das liegt unter anderem daran, dass die UN-Menschenrechtsmission dort über etablierte Strukturen zur Erfassung verfügt. Gleichzeitig ist die Datenlage für russisches Staatsgebiet deutlich schwieriger und viele Angaben stammen von russischen Behörden und sind nicht unabhängig verifiziert.
Das muss man transparent machen.
Aber genau deshalb darf man nicht so tun, als existierten die Opfer auf russischer Seite nicht.
Wer über zivile Opfer berichtet, sollte auch sagen, wie sicher die jeweilige Zahl ist und woher sie stammt.
Das wäre guter Journalismus.
Schlechter Journalismus beginnt dort, wo aus der Auswahl der Opfer eine politische Erzählung entsteht.
Die Schlagzeile entscheidet mit
Nicht nur durch das, was sie schreiben.
Sondern auch durch das, was sie nicht prominent schreiben.
Wenn der Leser über Monate hinweg immer wieder Bilder zerstörter ukrainischer Wohnhäuser sieht, während zivile Opfer auf russischem Gebiet kaum vorkommen, entsteht zwangsläufig ein bestimmtes Bild dieses Krieges.
Vielleicht ist dieses Bild in Teilen gerechtfertigt.
Aber vielleicht ist es auch unvollständig.
Und genau darüber muss man sprechen dürfen.
Denn Journalismus ist nicht dazu da, eine Seite emotional zu mobilisieren.
Journalismus sollte informieren.
Auch dann, wenn die Information nicht in das bevorzugte politische Narrativ passt.
Keine Relativierung – sondern gleiche Maßstäbe
Wer diese Kritik äußert, bekommt schnell einen Vorwurf zu hören:
Du relativierst die russischen Angriffe.
Nein.
Das Gegenteil ist der Fall.
Wer jeden zivilen Tod ernst nimmt, kann nicht gleichzeitig die Nationalität des Opfers zum Maßstab machen.
Zivilisten sind Zivilisten.
Ukrainer sind keine besseren Opfer als Russen.
Russen sind keine schlechteren Opfer als Ukrainer.
Und ein Kind wird nicht dadurch weniger unschuldig, dass es auf der falschen Seite der Grenze geboren wurde.
Deshalb sollte die Frage nicht lauten:
Wer ist schuld?
Die Frage sollte zunächst lauten:
Was ist passiert?
Und danach:
Wie viele Menschen wurden getroffen – auf beiden Seiten?
Erst wenn diese Grundlage geschaffen ist, kann eine ernsthafte politische und militärische Bewertung beginnen.
Schlussgedanke
- Die Medien müssen nicht pro-russisch berichten.
- Sie müssen auch nicht pro-ukrainisch berichten.
- Sie müssen pro Wahrheit berichten.
Wenn russische Raketen ukrainische Wohnhäuser treffen, gehört das auf die Titelseite.
Wenn ukrainische Drohnen russische Wohngebiete treffen und dabei Zivilisten sterben, gehört auch das berichtet.
- Nicht als Gegenrechnung.
- Nicht nach dem Motto – Aber die anderen machen es auch.
Sondern aus einem einzigen Grund:
Weil jedes zivile Opfer zählt.
Und vielleicht wäre genau das die wichtigste Botschaft in diesem Krieg:
Tote Zivilisten haben keine Nationalität.
Wer das vergisst, berichtet irgendwann nicht mehr über Menschen – sondern nur noch über politische Lager.
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