Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream: Warum bekommt Leipzig mehr Aufmerksamkeit?

Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream: Warum bekommt Leipzig mehr Aufmerksamkeit?

Drohne in Leipzig in Dauerschleife – der Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream dagegen im Hintergrund?

Eine Drohne mit Sprengvorrichtung am Flughafen Leipzig/Halle sorgt für große Aufmerksamkeit. Gleichzeitig gerät beinahe in den Hintergrund, wie konkret die deutschen Ermittlungen zur Sprengung von Nord Stream inzwischen geworden sind: Ukrainische Staatsangehörige werden als mutmaßliche Beteiligte verfolgt, gegen einen Beschuldigten wurde Anklage erhoben. Warum scheint der Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream politisch und medial erheblich weniger Empörung auszulösen?

Leipzig: Große Aufmerksamkeit – Täter noch unbekannt

Der Vorfall am Flughafen Leipzig/Halle ist ernst und muss vollständig aufgeklärt werden. Doch eines sollte bei aller Aufregung nicht vergessen werden:

Wer hinter der Drohne steckt, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Trotzdem ist die mediale Aufmerksamkeit enorm.

Das steht in einem bemerkenswerten Kontrast zu einem der größten Sabotageakte gegen europäische Energieinfrastruktur der vergangenen Jahrzehnte.

Nord Stream: Der Anschlag von Ukrainern wird immer konkreter

Bei Nord Stream geht es längst nicht mehr ausschließlich um wilde Spekulationen.

Deutsche Ermittler verfolgen konkrete ukrainische Staatsangehörige als mutmaßliche Beteiligte an der Sprengung der Pipelines. Die Bundesanwaltschaft wirft Beschuldigten vor, Teil jener Gruppe gewesen zu sein, die im September 2022 Sprengsätze an Nord Stream 1 und Nord Stream 2 angebracht haben soll.

In diesem Sinne kann man zugespitzt von einem Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream sprechen – sofern klar bleibt, was damit gemeint ist: ukrainische Beschuldigte beziehungsweise mutmaßliche Täter und nicht pauschal die Ukrainer oder eine bereits bewiesene Verantwortung des ukrainischen Staates.

Denn auch hier gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.

Aber genau diese Entwicklung macht die vergleichsweise geringe öffentliche Aufmerksamkeit so bemerkenswert.

Stellen wir uns nur einmal die umgekehrte Situation vor

Was wäre eigentlich los, wenn deutsche Ermittler russische Staatsangehörige als mutmaßliche Täter der Nord-Stream-Sprengungen identifiziert hätten?

Diese Frage ist legitim.

Denn Rechtsstaatlichkeit und journalistische Maßstäbe dürfen nicht davon abhängen, welchen Pass ein Beschuldigter besitzt oder mit welchem Staat Deutschland gerade verbündet ist.

Sabotage bleibt Sabotage – auch wenn mutmaßliche Täter aus der Ukraine kommen

Deutschland unterstützt die Ukraine politisch, finanziell und militärisch.

Das darf aber nicht bedeuten, dass mögliche Straftaten ukrainischer Staatsangehöriger mit größerer Zurückhaltung behandelt werden als vergleichbare Taten russischer Beschuldigter.

Ein Verbündeter erhält keinen journalistischen Rabatt.

Und genau deshalb muss über den Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream genauso kritisch gesprochen werden dürfen wie über mögliche russische Sabotageakte.

Nicht weil damit bereits eine Verantwortung der ukrainischen Regierung bewiesen wäre.

Sondern weil deutsche Ermittlungsbehörden mittlerweile ukrainische Beschuldigte konkret mit der Tat in Verbindung bringen.

Milliarden-Infrastruktur wurde gesprengt

Man darf die Dimension des Nord-Stream-Falls nicht vergessen.

Hier wurde keine Fensterscheibe eingeschlagen und kein Verkehrsschild beschädigt.

Mit Sprengstoff wurde kritische europäische Energieinfrastruktur zerstört beziehungsweise schwer beschädigt.

Die politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen waren enorm.

Und trotzdem scheint der Fall mit zunehmender Konkretisierung der ukrainischen Spur paradoxerweise eher leiser als lauter zu werden.

Genau das verdient journalistische Aufmerksamkeit.

Warum wird Leipzig größer behandelt?

Natürlich gibt es dafür eine naheliegende Erklärung: Leipzig ist aktuell. Nord Stream wurde bereits 2022 gesprengt.

Aber das greift zu kurz.

Denn die heutige Nachricht bei Nord Stream lautet nicht:

2022 wurde eine Pipeline gesprengt.

Die aktuelle Nachricht lautet:

Deutsche Ermittler haben ukrainische Staatsangehörige als mutmaßliche Beteiligte identifiziert und juristische Schritte gegen Beschuldigte eingeleitet.

Das ist eine neue Qualität.

Und genau darüber müsste intensiv diskutiert werden.

Wo bleibt die politische Empörung?

  • Wer gab den Auftrag zur Nord-Stream-Sprengung?
  • Wer finanzierte die Operation?
  • Wer stellte Ausrüstung und Logistik bereit?
  • Gab es Unterstützung staatlicher Stellen?
  • Wer wusste vorher davon?

Und vor allem:

Was wusste die ukrainische Regierung?

Solange diese Fragen nicht abschließend beantwortet sind, ist die Nord-Stream-Affäre keineswegs beendet.

Journalismus braucht denselben Maßstab für alle

Der Drohnenvorfall in Leipzig muss aufgeklärt werden.

Sollte Russland oder irgendein anderer Staat dahinterstecken, muss darüber berichtet und über Konsequenzen diskutiert werden.

Aber exakt derselbe Maßstab muss bei Nord Stream gelten.

Es darf keine politisch angenehmen und politisch unangenehmen Täterspuren geben.

Es darf auch keinen Unterschied machen, ob ein Beschuldigter Russe, Ukrainer, Deutscher oder Amerikaner ist.

Sabotage bleibt Sabotage.

Kommentar: Leipzig laut, Nord Stream leise?

Vielleicht liegt genau hier die eigentlich spannende Geschichte.

Nicht darin, dass über Leipzig berichtet wird. Das ist richtig und notwendig.

Sondern darin, wie vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit die neuesten Entwicklungen rund um Nord Stream teilweise bekommen.

Denn beim Leipziger Drohnenfall ist die Täterschaft noch Gegenstand der Ermittlungen.

Bei Nord Stream führen die deutschen Ermittlungen inzwischen konkret zu ukrainischen Staatsangehörigen.

Deshalb darf man den zugespitzten Begriff verwenden:

Der mutmaßliche Anschlag von Ukrainern auf Nord Stream muss genauso kritisch aufgearbeitet werden wie jeder andere Sabotageakt gegen deutsche oder europäische Infrastruktur.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass damit eine Beteiligung der ukrainischen Regierung bewiesen wäre.

Aber es bedeutet ebenso wenig, dass man die ukrainische Spur aus politischer Rücksicht kleinreden sollte.

Wer bei mutmaßlicher russischer Sabotage maximale Aufklärung fordert, muss sie auch bei ukrainischen Beschuldigten verlangen.

Alles andere wäre tatsächlich zweierlei Maß.

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André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
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André Braselmann


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