Fluchtwagenfahrerin von Stade: Was wäre, wenn sie mit einem AfD-Politiker verwandt wäre?

Fluchtwagenfahrerin von Stade

Sechs Tote, eine Fluchtwagenfahrerin und plötzlich Funkstille: Stellen wir uns nur einmal vor, es wäre die AfD

Sechs Menschen sterben, der mutmaßliche Täter flieht, eine 65-Jährige sitzt am Steuer des Fluchtwagens – und später wird bekannt: Die Frau ist die Schwiegermutter eines SPD-Landtagsabgeordneten. Trotzdem ist es erstaunlich ruhig um diesen Teil des Falls Stade geworden. Natürlich beweist die politische Verwandtschaft überhaupt nichts. Aber ein kleines Gedankenexperiment sei erlaubt: Wie sähe die Berichterstattung wohl aus, wenn hinter den drei Buchstaben nicht SPD, sondern AfD stünde?

Stade: Erst Schlagzeilen – dann erstaunliche Ruhe

Der Fall hatte alles, was normalerweise wochenlange mediale Aufmerksamkeit garantiert.

  • Sechs Tote.
  • Ein mutmaßlicher Täter.
  • Eine Flucht.
  • Eine Frau am Steuer des Fluchtwagens.
  • Und schließlich auch noch eine familiäre Verbindung in die Politik.

Eigentlich genügend Stoff für Nachrichtensendungen, Brennpunkte, Expertenrunden, Podcasts und die obligatorische Frage, welche politische Dimension hinter dem Ganzen stecken könnte.

Doch davon ist erstaunlich wenig zu sehen.

Die 65-jährige Fahrerin wurde zunächst in Gewahrsam genommen. Ein Haftbefehl wurde anschließend nicht beantragt, weil nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft kein dringender Tatverdacht bestand.

Das ist zu respektieren. Rechtsstaat bedeutet schließlich nicht, Menschen aufgrund öffentlicher Vermutungen einzusperren.

Aber damit verschwinden die offenen Fragen nicht.

Dann taucht plötzlich ein politisch interessantes Detail auf

Der NDR berichtete über eine bemerkenswerte verwandtschaftliche Verbindung: Bei der Frau handelt es sich um die Schwiegermutter des niedersächsischen SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku.

Kurku ist außerdem Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe.

Und bevor jetzt jemand vorschnell Skandal! ruft:

Nein.

Diese Verwandtschaft ist kein Beweis für irgendeine politische Einflussnahme.

  • Sie macht die Fahrerin weder schuldiger noch unschuldiger.
  • Sie beweist weder Protektion noch Druck auf Ermittlungsbehörden oder Medien.
  • Aber sie liefert einen hervorragenden Anlass für ein kleines journalistisches Gedankenexperiment.

Stellen wir uns einfach vor, hinter dem Namen stünde AfD

Die Frau wäre also nicht die Schwiegermutter eines SPD-Abgeordneten, sondern die Schwiegermutter eines bekannten AfD-Landtagsabgeordneten.

Was wäre wohl passiert?

Man kann sich die möglichen Überschriften beinahe selbst zusammenbauen:

  • Fluchtwagenfahrerin mit Verbindung zur AfD

  • Sechs Tote: Welche Rolle spielt das politische Umfeld?

  • AfD-Politiker unter Erklärungsdruck

Und vermutlich würde irgendwo bereits ein Politikwissenschaftler erklären, weshalb die familiäre Verbindung selbstverständlich eingeordnet werden müsse.

  • Vielleicht gäbe es Grafiken.
  • Stammbäume.
  • Experteninterviews.

Und natürlich die unvermeidliche Frage:

Was wusste der AfD-Politiker?

Obwohl dieser mit der eigentlichen Tat möglicherweise überhaupt nichts zu tun hätte.

Bei der SPD?

Erstaunlich wenig politisches Trommelfeuer.

Natürlich ist dieser Vergleich hypothetisch

Fairerweise muss man sagen: Niemand kann beweisen, dass Medien bei einer AfD-Verbindung tatsächlich genau so reagiert hätten.

Ein Gedankenexperiment ist kein Beweis.

Aber Medienkritik darf sich trotzdem damit beschäftigen, welche politischen Verbindungen hervorgehoben werden – und welche nach wenigen Tagen kaum noch eine Rolle spielen.

Denn gerade bei politisch sensiblen Fällen entsteht Vertrauen nur durch erkennbare Gleichbehandlung.

Der Maßstab sollte simpel sein:

SPD, CDU, Grüne, Linke, AfD oder parteilos – gleiche journalistische Neugier für alle.

Das wäre eigentlich nicht besonders revolutionär.

Man nennt es Journalismus.

Und was wusste die Fahrerin?

Das ist ohnehin die viel wichtigere Frage.

Nicht ihre Verwandtschaft entscheidet über eine mögliche strafrechtliche Verantwortung.

Entscheidend ist, was sie wusste und was sie tat.

  • Wusste sie während der Fahrt von den vorausgegangenen Tötungen?
  • Wann erfuhr sie davon?
  • Wusste sie überhaupt, dass eine Flucht stattfand?
  • Welche Angaben machte sie gegenüber den Ermittlern?
  • Und gibt es inzwischen eine abschließende Bewertung der Staatsanwaltschaft?

Wer diese Fragen stellt, verurteilt niemanden vor.

Er macht schlicht das, was Journalismus eigentlich tun sollte:

nachfragen.

Der Tod des mutmaßlichen Haupttäters beendet diese Fragen nicht

Der mutmaßliche Haupttäter starb später in Untersuchungshaft.

Damit wird es kein Strafverfahren gegen ihn geben, in dem sämtliche Details öffentlich aufgearbeitet werden könnten.

Umso interessanter ist deshalb, wie die Ermittlungsbehörden die Rolle weiterer Beteiligter bewerten.

Nach der damaligen Berichterstattung liefen die Ermittlungen gegen die Fahrerin zunächst weiter.

Und dann?

Genau hier beginnt die bemerkenswerte Ruhe.

  • Vielleicht ist die Erklärung völlig banal.
  • Vielleicht gibt es schlicht keine neuen Erkenntnisse.
  • Vielleicht kommt die Staatsanwaltschaft zu dem Ergebnis, dass der Frau strafrechtlich nichts vorzuwerfen ist.

Dann sollte man genau das berichten.

Ermittlungen eingestellt – kein Tatverdacht gegen Fluchtwagenfahrerin.

Fertig.

Das wäre sogar eine wichtige Nachricht, weil damit Spekulationen beendet würden.

Gerade wegen der SPD-Verbindung braucht es Transparenz

Die politische Verbindung ist dabei paradoxerweise ein Grund für mehr Transparenz und nicht für wilde Verdächtigungen.

Denn sobald bekannt ist, dass eine Person aus einem spektakulären Ermittlungsverfahren mit einem Politiker verwandt ist, entstehen zwangsläufig Spekulationen.

  • Dagegen hilft keine Funkstille.
  • Dagegen helfen Fakten.

Die Staatsanwaltschaft könnte deshalb öffentlich beantworten, soweit das laufende Verfahren dies zulässt:

  • Läuft das Verfahren gegen die Frau noch?
  • Welcher Verdacht wird konkret geprüft?
  • Hat sich die Beweislage verändert?
  • Wurde das Verfahren inzwischen eingestellt?
  • Oder wird weiter ermittelt?

Mehr braucht es zunächst gar nicht.

Keine Verschwörungstheorie nötig – die offenen Fragen reichen vollkommen

Man muss nicht behaupten, die SPD habe irgendetwas vertuscht.

Dafür gibt es bislang keinen belastbaren Beleg.

Man muss auch nicht behaupten, Journalisten hätten von irgendeiner Parteizentrale einen Anruf bekommen.

Auch dafür gibt es keinen Beleg.

Die tatsächliche Situation ist journalistisch interessant genug:

Sechs Menschen sind tot.

Eine Frau soll den mutmaßlichen Täter vom Tatort weggefahren haben.

Gegen sie wurde ermittelt.

Sie ist mit einem SPD-Landtagsabgeordneten verschwägert.

Und über den aktuellen Stand dieses Teils der Ermittlungen hört die breite Öffentlichkeit vergleichsweise wenig.

Das reicht vollkommen aus, um Fragen zu stellen.

Kommentar: Drei Buchstaben machen einen erstaunlichen Unterschied

Vielleicht liegt das Problem gar nicht in irgendeiner geheimen politischen Einflussnahme.

Vielleicht funktioniert moderne Berichterstattung viel banaler.

Eine Geschichte ist interessant, solange sie Klicks produziert.

Dann kommt das nächste Thema.

Und das nächste.

Und irgendwann verschwinden selbst sechs Tote aus dem Nachrichtenticker.

Trotzdem bleibt ein unangenehmer Gedanke:

Wie lange wäre diese Geschichte wohl am Kochen gehalten worden, wenn die Schwiegermutter eines AfD-Politikers am Steuer des Fluchtwagens gesessen hätte?

Wir kennen die Antwort nicht.

Aber angesichts der politischen Medienlandschaft Deutschlands darf man die Frage stellen.

Und genau darin liegt der entscheidende Punkt:

Niemand sollte wegen seiner Verwandtschaft zu einem SPD-Politiker unter Generalverdacht gestellt werden.

Aber niemand sollte wegen dieser Verwandtschaft journalistisch mit Samthandschuhen angefasst werden.

Gleiche Maßstäbe. Gleiche Fragen. Gleiche Hartnäckigkeit.

Mehr verlangt niemand.

Oder sollte genau das inzwischen schon zu viel verlangt sein? verstehen: Es gab nach dem ursprünglichen Fall weitere Berichte; der Kritikpunkt ist die inzwischen geringe Aufmerksamkeit, nicht ein vollständiges Verschweigen.

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André Braselmann
Ich bin unabhängiger freier Journalist aus der Verbandsgemeinde Rülzheim in der Südpfalz.
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André Braselmann


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